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Prolog

 

Irgendwann nach dem Jahr 2022 erhalten alle erreichbaren Menschen auf diesem Planeten eine Nachricht. Sie wird über jedes verfügbare Medium sowie Informationsträger übermittelt. Im Osten Kanadas, dem Südwesten der USA, europaweit bis an die Ostgrenzen der Türkei, in der chinesischen Provinz Sichuan zeigen außerdem alle im öffentlichen Raum aufgestellten elektronischen Werbeflächen und Informationstafeln in jedem Flughafen-und Bahnhofsterminals zeitgleich und permanent dieselbe Nachricht.
Sie wird in etwa diesen Wortlaut haben:
»Unwiderlegbare, weltweit durchgeführte Beobachtungen beweisen den Anflug einer Gruppe von Asteroiden mit Kollisionskurs auf die Erde!
In spätestens drei Tagen schlagen diese Kleinplaneten auf unserem Planeten ein! Aller Voraussicht nach geschieht es in einem jener geografischen Bereiche Kanadas, der USA, Europas und Chinas, wo Sie soeben diese Nachricht empfangen. Die genauen Orte der Einschläge können erst drei Stunden zuvor mitgeteilt werden!
Achtung!
Nutzen sie daher sofort jedes verfügbare Fahrzeug, um die gefährdeten Bereiche nach Norden oder Süden zu verlassen! Begeben Sie sich nicht in östliche und westliche Richtung! Des Weiteren fahren ab sämtlichen Fernbahnhöfen sowie Busterminals Züge und Busse kostenlos in sichere Gebiete. Von den Flughäfen aus starten alle einsatzfähigen Maschinen, die Sie aus den bedrohten Regionen kostenfrei ausfliegen werden!
Aktivieren Sie darüber hinaus umgehend den Link, der dieser Mitteilung angehängt wurde oder rufen Sie ihn an einem Medienträger auf.
Dort erhalten Sie Informationen sowie Navigationshilfen, die Sie zu Bunkeranlagen, Tiefgaragen, Tunneln und zu anderen Bauwerken in schützender Tiefe geleiten, die Ihrer Position am Nächsten gelegen sind. Sollten Sie nicht mit den Verkehrsmitteln evakuiert werden können, besteht für Sie an den aufgeführten Orten die größte Möglichkeit, den Einschlag der Asteroiden zu überleben!

Diese Meldung dient keiner Übungsmaßnahme und wird ab sofort ohne Unterbrechung gesendet! Versuchen Sie, Ruhe zu bewahren!
Gott mit Ihnen.«

 

Ein Schrei des Entsetzens ging um die Welt.
Panik traf auf Ungläubigkeit, aber auch Ignoranz.
Doch entsprach das tatsächlich der Realität?
Vor allem notorische Zweifler vermuteten eine weltumspannende Massensuggestion.

 

1. Kapitel      - die Jahre 1994 bis 2005

 

Pressemeldung: Am 27. Oktober 1994 besuchte mit Bill Clinton erstmals seit 1974 ein US-Präsident offiziell Syrien, um das Land zu mehr Kompromissbereitschaft im Nahostfriedensprozess zu bewegen. Auch der russische Außenminister Andrei Kosyrew versuchte, Syrien von einer Wiederaufnahme der syrisch-israelischen Verhandlungen zu überzeugen.

Spiegel TV: Der Jahrhundertsommer 2003 in Europa: Lang anhaltende Hitzewelle mit ihrem Höhepunkt in der ersten Augusthälfte des Jahres. Was ist die Ursache?

 

Kairo, Sommer 1994, ein Hotel am Tahiri-Platz


Der Junge schob die schwere Gardine ein Stück beiseite und trat zum bodentiefen Fenster des Hotelzimmers heran. Sein Blick fiel hinab auf einen gewaltigen Platz.
Der Lärm von draußen wurde durch die Fensterscheiben des klimatisierten Appartements hindurch fast unhörbar.

     Die Stimme seines Vaters, mit dem er am Vorabend aus ihrer syrischen Heimatstadt Damaskus hierher nach Kairo gekommen war, klang tiefer als die des Gastes.

     Der hagere Professor Al Aitoni im dunkelblauen Kaftan, weißen Haaren sowie blitzender Brille traf erst vor einer Stunde hier ein. Gleich, nachdem er von der Rezeption aus telefonisch angemeldet wurde.
Vater und Sohn vollendeten zuvor einen längeren Stadtrundgang. Danach kehrten sie ins Hotel zurück, um rasch ein Mittagsmahl einzunehmen.
Jetzt befand sich der Vater mit dem Professor im angeregten Gespräch, dessen Inhalt dem Jungen jedoch nicht interessierte. 
     »Sie haben also morgen dort drüben einen Termin?«, fragte der Ordinarius, wobei er durch das Fenster auf eines der pompösen Gebäude deutetet.
      Der Vater nickte. »Ja. Wieder einmal bedarf ein Problem, das sich zwischen unseren Staaten aufzeigt, der Klärung. Wozu ich nichts manifestiere, sondern nur den Standpunkt Syriens vortragen werde!« Gelassen brannte er eine mit einer Bauchbinde versehene Zigarre an, nachdem der Professor dankend abgelehnt hatte. »Es wird aber die letzte Mission sein, die mich ins Ausland führte.« Er lächelte wehleidig, blies sodann den Rauch gen Zimmerdecke. »In Kürze werde ich in der Gouvernement-Verwaltung von Aleppo einen wesentlichen Posten übernehmen, wie man so sagt.«

      In dem Augenblick klopfte es an der Tür. Nach einem »Herein« wurde durch einen Kellner Tee serviert. Was auch dem Jungen zusagte. 
     Der kehrte vom Fenster zurück in eine Ecke des Raumes, setzte sich auf die dort stehende Ottomane, kreuzte flink die Beine unter dem Kaftan. Am Glas nippend schaute er dem tonlos gestellten Fernsehbild zu, das Aufnahmen von einem sternenübersäten Himmel zeigte.
      »Gilt dein Interesse gar Sonne, Mond und den Sternen, junger Mann?«, wendete sich der Professor an den Knaben.
     Der Junge wurde rot. »Warum nicht?«, entgegnete er, stellte das Teeglas vorsichtig auf den niedrigen Tisch zurück. »Wollen Sie mit mir durch die Galaxis fliegen?«
      Sein Vater lachte schallend auf.
      Al Aitoni jedoch hob die buschigen Brauen. »Du weißt, was eine Galaxis ist?«
      Der Junge nickte heftig. »Aber ja, Herr Professor! Ich habe viel darüber gelesen, auch im Fernsehen einschlägige Berichte gesehen. Auf NBC!«
      Der Vater trank das Teeglas leer. »Weiß gar nicht woher sein Interesse für die Astronomie stammt«, knurrte er zum Professor hin. »Aber er hat ja kaum etwas anderes im Kopf, seit er lesen kann! Nur am Rande interessieren ihn der Koran sowie unsere syrische Geschichte. Nein! Die Sterne, die Mathematik sind es, womit er ständig beschäftigt ist!«
      »Nun ja.« Der Professor stemmte sich aus dem Sessel, trat vor den Jungen hin. »Dann sollten wir, vorausgesetzt dein Vater ist damit einverstanden, morgen womöglich einmal nach Cottamian hinausfahren?«
     »Etwa zum Observatorium mit dem ›großen Refraktor‹?« Der Junge sprang auf, hielt die Hände vor die Brust gepresst, die Augen weit aufgerissen.
     Der Astronom nickte. Schmunzelnd betrachtete er die Röte, die in die Wangen des Knaben schoss.

 

Am darauffolgenden Morgen erwartete der Professor den Jungen und dessen Vater vor dem Hotel. Während der Bengel in den bereitstehenden »Ford« sprang, schüttelten sich die beiden Herren die Hände. »Ich wünsche dir viel Spaß beim Schauen durchs große Fernrohr!«, rief der Vater dem Sohne zu. Danach marschierte er, die Aktentasche unterm Arm, in Richtung eines der pompösen Gebäude auf der Gegenseite des Platzes.
      Der Professor sah ihm einen Augenblick lang nach, wobei sich einseltsames Lächeln in seine markanten Züge stahl. Hierauf hin schwang er sich auf den Fahrersitz, von wo aus er über den Innenspiegel in die glänzenden Augen des Knaben schaute.

Eine Entdeckung, News vom 19.04.2004

Die Information erschien in den Tageszeitungen auf Seite 3 oder auch weiter hinten. In den Abend-Nachrichtensendungen der Fernsehsender wurde die Meldung an vierter, fünfter Stelle gebracht. Im Hintergrund des Sprechers sah man das gleiche Foto wie in den Zeitungen: ein verwaschener, gräulich-schwarzer Ausschnitt des Sternenhimmels. Dazwischen ein Pfeil, der auf ein winziges Etwas deutete.
Ein Asteroid namens ›Apophis‹, sagte der Sprecher und dass von diesem Himmelskörper für die Erde auch bei einem erneuten Vorbeiflug keinerlei Gefahr ausgehen würde.

Berlin, im August 2004

Eine Maschine der Lufthansa, gestartet in Frankfurt am Main, befand sich im Anflug auf Berlin Tegel.
In der Economy class saß Samir Sheikh Ahmad, die massig wirkende Statur in den spartanischen Sitz gezwungen. Interessiert schaute er herab durch das Fenster auf das näherkommende Weichbild der deutschen Hauptstadt.
Frühmorgens war er in Damaskus gestartet und nach dem Mittag von Frankfurt aus mit Ziel Berlin weitergeflogen.
     In der Innentasche seiner Lederjacke steckte sicher verwahrt der Reisepass samt einem nationalen Visum. Das hatte er vor ein paar Tagen in der deutschen Botschaft in Damaskus erhalten. In einem geräumigen Brustbeutel unterm Hemd verbarg er zudem mehrere Dokumente.
Zum einen die Bestätigung über ein ausreichend bestücktes Sperrkonto bei der Deutschen Bank. Weiterhin die Zulassung für ein grundständiges Studium an der »Technischen Universität Berlin.« Dort wollte er ab dem Herbstsemester die Hochschulausbildung als Astrophysiker beginnen.
      Samir trank den Orangensaft aus, reichte daraufhin den Becher zur Stewardess hin, die den Servicewagen neben seiner Sitzreihe stoppte.
      Sie lächelte einen Moment auf den jungen, kräftigen Schwarzkopf herab. Dessen heller, olivfarbener Teint ihrem geübten Blick den Araber verriet.
     Samir indess lehnte sich im Sitz zurück, schloss für einen Moment die Augen. Langsam löste er sich in Gedanken von den letzten Eindrücken aus Aleppo.

Zum Schulabschluss erhielt er das international anerkannten Reifezeugnis für die allgemeine Hochschulreife. Das so genannte »Baccalaureate diploma.« Mathe und Physik beendete er mit einer ›1‹. Die darauf folgenden zwei Jahre verbrachte er nicht nur in der angestammten Heimat Syrien, sondern vor allen in Ägypten. 
    In einem der wenigen privaten Sprachinstitute in Kairo erweiterte er seine schon vorhandenen Englischkenntnisse. Eine andere Anforderung für ein Studium, das Beherrschen der deutschen Sprache, bereitete ihm hingegen keine Probleme. Stammte doch die Mutter aus Deutschland! Früher arbeitete sie sogar in der deutschen Botschaft in Damaskus. Auf einem Empfang lernte Sie dort ihren zukünftigen Ehemann kennen.

Der versah als Beamter in der Regierung Assat einen hohen Dienst. Mit seiner Duldung unterrichtete sie einige Jahre später Samir und den kleineren Bruder von früh auf an in der deutschen Sprache. Auch die lateinische Schrift lehrte sie ihm ebenso, wie er sie im Englischunterricht der Schule mitbekam. Den besuchte er während der letzten drei Schuljahre am mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig an der ›General Secondary School‹ in Aleppo.

      Vorrangig dienten die vergangenen beiden Jahre, die er in Ägypten verbrachte einem konkreten Zweck. Er absolvierte ein Praktikum bei Professor Al Aitoni im Observatorium Cottamian. Von ihm, dem Institutsleiter, erhielt er im zweiten Jahr seiner vom Wissensdrang geprägten Tätigkeit eine Studienempfehlung. Diese ermöglichte für ihn die ersehnte Zulassung zum Studium an der Technischen Universität in Berlin.

Das erforderliche, finanzielle Guthaben auf einem Sperrkonto der Deutschen Bank hatte sein Vater beigesteuert. Und wegen einer Unterkunft würde er noch heute in der Universität beim Studentenwerk vorstellig werden.

Die Landung in Tegel erfolgte pünktlich. Über der deutschen Hauptstadt wölbte sich ein stahlblauer Himmel mit vereinzelt hochfliegenden Wölkchen. Ein Info-Display seitlich dem Gepäckband zeigte um 15:00 eine Temperatur von 25°C an.

      Samir hatte Glück; sein mittelgroßer Rollkoffer kam als einer der ersten Gepäckstücke auf dem Band aus dem Tunnel. Er schnappte ihn und ging damit zur Abfertigung.
      Der Beamte am Schalter blätterte einen Moment lang in seinem Pass. »What is the purpose of your stay in Germany?«, fragte er dann, schaute dem jungen Mann in die dunklen Augen, musterte auch die Visumbescheinigung.
      »Ich werde hier an der TU studieren!«, antwortete Samir, wobei er ein feines Lächeln sehen ließ.
     Der Beamte stutzte, blätterte nochmals den Pass durch. »Sie sprechen ja recht passabel deutsch!«, knurrte er, während er den notwendigen Stempel in die Papiere drückte.

      Samir nahm eines der Taxis, die in langer Schlange vor dem Arrival-Bereich standen. 
      Der Fahrer schien offensichtlich ein Türke zu sein, der zudem keine Anstalten machte den Rollkoffer im Wagen zu verstauen. Anscheinend schätzte er den Fahrgast als kräftig genug ein, so dass er auf den Service verzichten zu können glaubte. Stattdessen öffnete er nur vom Fahrerplatz aus den Kofferraum.
       Samir wuchtete kommentarlos den Koffer hinein, schlug die Klappe zu und kroch auf den Rücksitz des weißen Daimler. Dort zog er den Zettel hervor, auf den er die Adresse des Studienwerks in der TU notiert hatte. Auf deutsch las er sie dem Fahrer vor. Dessen überraschten Blick quittierte er im Rückspiegel mit einem Grinsen.

       Die Fahrt verlief wortlos. Sie wurde untermalt von türkischer Musik aus dem Radio in eben so noch erträglicher Lautstärke. Obwohl früher Nachmittag nahm der Verkehr auf den Straßen beängstigend zu. Die Tour schien kein Ende nehmen zu wollen. Denn anscheinend nutzte der stumme Fahrer jede sich bietende Möglichkeit, um die Fahrt nach Charlottenburg zu verlängern.

      Samir bemerkte am wechselnden Sonnenstand, wie oft durch Abbiegen die Richtung geändert wurde. Er begehrte dagegen nicht auf. Zum einen kannte er die notwendige Strecke nicht. Darüber hinaus hatte ihn Professor Al Aitoni, der bereits mehrfach zu Treffen mit deutschen Kollegen in Berlin weilte, eingehend vorgewarnt.

Nachdem das Taxi schließlich doch noch die Zieladresse erreicht hatte, stieg Samir, für den Fahrer überraschend, sofort aus. Wohl oder übel musste dieser jetzt ebenfalls seinen Sitz verlassen, den Kofferraum öffnen, um ans Geld zu kommen. 
      Der Fahrtgast zerrte den Rollkoffer heraus, drückte dem Türken Zwanzig Euro in die Hand. Ohne sich umzudrehen, strebte er auf den Eingang zu. Das wütende Geschrei hinter sich ignorierend schob er sich durch die Pendeltür.

Samir Sheikh Ahmad vermochte es, am Nachmittag noch alle Anmeldeprozeduren zu erledigen. Die ihm zugewiesene Studentenunterkunft im Osten Berlins nahm er ohne Beanstandung an. Ein bescheidenes Appartement samt Küchenecke, obendrein mit einem winzigen Bad. Aber zu einem akzeptablen Preis. Was wollte er mehr?
Auch übergab man ihm eine Liste aller Fahrverbindungen für Bus und S-Bahn, den Berliner Verkehrsplan sowie einen schmalen Block mit Tickets.

Abends, die Sonne stand noch am Himmel, erreichte Samir das Studentenwohnheim in der Allee der Kosmonauten in Marzahn. Von jetzt an gab es für ihn nur ein Ziel: sich mit aller Kraft dem Studium zu widmen.

 

Ein Treffer über dem Atlantischen Ozean

Die Nacht zum 20. Februar 2005:
Ein Airbus A300F der ›Luftfracht-Division FedEx Express‹ befand sich auf dem Flug vom ›Miami International Airport Florida‹ via ›London Stansted Airport‹. In einer Höhe von 34.000 Fuß flog die Maschine ruhig auf dem vorgegebenen Kurs.

      Kapitän Baker saß am Steuer. Der Co-Pilot, Ramid, döste in seinem Sitz. Der Autopilot hatte den vollbeladenen Frachter soeben in den Überwachungsbereich der britischen Flugsicherung ›NATs‹ geflogen.
        Baker griff zum Sendeschalter, um den Flug anzumelden. Da passierte Unerklärliches.
Oberhalb des Hecks, vom Cockpit aus nicht sichtbar, näherte sich von achtern her mit rasender Geschwindigkeit ein weiß strahlendes Objekt. Einen feurigen, kilometerlangen Schweif hinter sich herziehend steuerte der gleißende Ball direkt auf die Maschine zu.
Der Kapitän nahm für den Bruchteil einer Sekunde nur noch eine blendende Helle wahr. Die anschließende Pulverisation des Airbusses vermochte er nicht einmal mehr zu registrieren.

Vor Tralee an der irischen Küste:
Fröstelnd beobachtet in dieser klaren Nacht ein Amateur-Astronom den sternenklaren Himmel über dem Atlantik. Nur für wenige Sekunden entdeckt er dicht oberhalb dem nordwestlichen Horizont einen hellen Lichtstreifen, der sich rasch herabsenkt. Kurz bevor er scheinbar ins Meer fiel, blitzt er nochmals auf und verschwand.

03.07.2005 - Deep Impact- ein großer Tag

Samir Ahmad zwang sich zur Ruhe. Seit dem Morgen fühlten sich er und noch neun andere Studenten der Astrophysik praktisch im Ausnahmezustand. So zumindest bezeichnete es Professor Hagenstein einige Stunden zuvor, bei einem Kaffee.
Denn ein mit der University of Maryland in den vergangenen Jahren gemeinsam durchgeführtes Studienprojekt hatte es ihnen ermöglicht:
Eine Seminargruppe, bestehend aus zehn ausgewählten Studenten, durfte vor den Projektionswänden im Analysesaal der Fakultät sitzend am ›Deep Impact‹ teilhaben. Der 372 Kilogramm schwere Impaktor sollte, abgefeuert durch die Vorbeiflugsonde, in den Kometen »Tempel 1« einschlagen. Die dabei herausgeschleuderte Materiewolke würde dann durch die Instrumente der Raumsonde, ebenso von mehreren Teleskopen auf der Erde und im All analysiert werden.
Damit konnte man erstmals die Erforschung des Inneren eines Kometen, aber auch seiner Oberfläche ermöglichen.
Der Professor, ebenso wie die Studenten aus acht Semestern, starrte gebannt auf die leidlich annehmbaren Bilder, die über eine ungeheuer lange Strecke zu ihnen gelangten.
Drei Stunden später fand der Jubel im Saal und in den USA kein Ende. Das 333 Millionen Dollar teure Experiment galt als gelungen!

 

2. Kapitel - die Jahre 2006 bis 2008

 

TV-Nachricht vom 31.07.06: Versuchter Terroranschlag auf zwei Regionalzüge. In herrenlosen Koffern wurden im Dortmunder und Koblenzer Hauptbahnhof Sprengsätze gefunden, die der Libanese Youssef Mohammad sowie ein weiterer Verdächtiger deponierten, aber wegen handwerklicher Fehler nicht explodierten.

TV-Nachrichten, 15.11.07: Der Zyklon Sidr geht bei Bangladesch an Land, verwüstet Teile der Region, dabei sterben über 3000 Menschen, 10.000 Tote werden befürchtet.
Astro-Network, 05.09.08: Die Sonde Rosetta dokumentiert ihren Vorbeiflug am Asteroiden Šteins.

Anfang Mai 2006, LKA 01, Berlin-Tempelhof

Am leicht bedeckten Himmel im Osten über der Stadt zeigte sich schon ein schmaler Lichtstreifen. In den Räumen des Dezernats M01 flammten die Deckenbeleuchtungen auf.
Hauptkommissarin Anja Fehderlein und ihre drei Mitarbeiter trafen nach einer nächtlichen Aktion im Amt ein.

      Die kleine Lustich kippte aus der Thermokanne den kalten Kaffee vom Vorabend ins Spülbecken.
      Schneller und Weber packten die Mitbringsel von den beiden Tatorten in den stählernen Verwahrschrank.
      Die Fehderlein legte im Vorbeigehen ihre Hand kurz auf die Schulter der Kommissarin. »Bringst du den Krempel bitte heute Mittag noch runter in unsere Asservatenkammer, Anette?«
     »Geht klar, Chefin!«, entgegnete die Lustich und gähnte verhalten.
     Die Fehderlein ging in ihr Büro, wo sie im Schreibtischkalender einige neue Marker eintrug. Termine für die heutigen Vernehmungen von Kappner, Steincke sowie Zernick. Daraufhin überprüfte sie, ob die Unterlagen und Asservate gesichert worden. Anschließend wünschte sie den bereits übernächtigt ausschauenden Kollegen eine gute Nacht. »Es reicht aus, wenn alle erst mittags wieder hier einreitet. Also schlaft schön!«, rief sie. Dabei schaute sie mit einem Lächeln Anette Lustich hinterher, bis die Tür ins Schloss fiel.

     Die Hauptkommissarin blieb noch einige Zeit auf der Kante des Schreibtisches hocken. In der gläsernen Trennwand zum unbeleuchteten Büro nebenan spiegelte sich ihr schlanker Körper.

Sie ging ans Waschbecken in der Ecke, benetzte das schmale Gesicht mit kaltem Wasser.
Die brünetten, halblangen Haarsträhnen strich sie von der Stirn, zerrte ein Papierhandtuch vom Spender. Müden Auges musterte sie ihre Gesichtszüge. Mal richtig auszuschlafen, das wäre echt angesagt dachte sie. Aber trotzt alledem: Für meine Fünfunddreißig schaue ich ohne Scheiß noch recht passabel aus! Sie leistete sich ein etwas eitel wirkendes Lächeln, das so von ihr niemand anderes niemals sehen würde.

Durch die Fenster im vorderen Büroraum fiel schon das erste Morgenlicht herein, als sie beschloss zu gehen. Sie gähnte und reckte sich, fasste nach der Jacke am Haken. Da klingelte darin das Handy.

Stirnrunzelnd schaute sie aufs Display. Die Nummer war nicht unterdrückt, ihr jedoch unbekannt. Sie zögerte kurz, nahm den Anruf dessen ungeachtet an. 

      »LKA, M-01, Fehderlein!«
      »Ja. Hier ist Waldemar Becker, Frau Hauptkommissarin! Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen!«
       »Herr Becker? Haben Sie mal auf die Uhr geschaut? Wieso rufen Sie so früh an? Der Tag ist doch noch lang genug!«
      »Tut mir leid, Frau Hauptkommissarin. Aber ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Mich quälten Zweifel, ob und wann man Sie überhaupt anrufen darf!«
      »Also OK! Was ist denn so unsäglich dringend, dass Sie hier zu nachtschlafender Zeit anklingeln?«
      »Es sind diese schrecklichen Nachrichten, Frau Hauptkommissarin! Die Bilder im Fernsehen!«
      Die Fehderlein glaubte, sich verhört zu haben. »Was für Meldungen meinen Sie, Herr Becker?« Sie schob ihren Hintern auf die Kante des nächststehenden Schreibtisches.
     »Na ja. Die von gestern Abend. Aus Weimar. Ist es verbürgt, dass er tot ist?«
     Für einen Moment zeigte sich die Fehderlein perplex. »Wer soll gestorben sein? Mann! Wovon reden Sie?« Plötzlich stieg ein leiser Verdacht in ihr auf.
     Becker ließ jetzt ein seltsames Kichern hören. »Ich musste mir das Standbild die halbe Nacht lang immer wieder anschauen. Und mein Fernseher verfügt über einen riesigen Bildschirm! Wissen Sie? Darum gibt’s keinen Zweifel, denn das Gesicht von Bauerfeind vergesse ich nämlich nie, Frau Hauptkommissarin!
      Der Fehderlein stockte einen Moment lang die Luft. »Glauben sie etwa den Bauerfeind gesehen zu haben? Den Mann, den Sie hinsichtlich des Todes ihrer Ehefrau verdächtigen? Herr Becker! Ich kann mich gut an ihre Vorwürfe erinnern! Aber wie kommen Sie darauf, dass er ins Fernsehen gekommen ist?«
Sie hätte sich sofort auf die Zunge beißen müssen. Denn über Bauerfeind in der Vergangenheitsform zu sprechen schien völlig unangebracht zu sein! Es klang für den Mann sicherlich nach einer Bestätigung!    »Jetzt reden Sie schon! Habe ich das Schwein korrekt erkannt? Oder hat er es etwa doch überlebt?«
     »Dazu können wir noch nichts sagen, Herr Becker! Es ist eine laufende Ermittlung! Alle Vermutungen sind aus der Luft gegriffen.« Sie hielt inne, drehte sich herum, starrte zum Büro hinüber, fühlte den eklig kalten Schweiß, der ihr soeben ausbrach. Und urplötzlich sah sie diesen Waldemar Becker vor sich, wie er dort drüben am Schreibtisch gesessen hatte. Ein gebrochener Mann, seit zwei Jahrzehnten ohne Lebensinhalt. Der allerdings zu wissen glaubte, wer die Verantwortlichen für seinen unersetzlichen Verlust waren. Nämlich einige frühere Mitarbeiter der Staatssicherheit. Die er persönlich kannte oder zumindest gesehen hatte!

     »Nun? Gehe ich recht in der Annahme?«, vernahm sie den Anrufer erneut.
     Die Fehderlein schloss die Augen. »Sie können diesen Bauerfeind nie wiedersehen. Mehr ist dazu nicht zu sagen, Herr Becker! Unsererseits liegen auch keine Erkenntnisse vor, wo er sich aufhält.«
     »Er ist – tot!«, hörte sie ihn flüstern. Dann legte er auf, in ihrer Leitung herrschte Stille.


Am späten Vormittag liefen dazu bereits die ersten Nachrichten durch die Medien: »Das LKA Berlin stellte gestern nach aufwendigen, mehrmonatigen Ermittlungen zwei Verdächtige. Diese sind dem Organisierten Verbrechen zuzurechnen. Bei den ihnen vorgeworfenen Straftaten handelt sich um Rauschgifthandel, Geldwäsche und Immobilienbetrug im großen Maßstab. Auch im Zusammenhang mit einem Schusswechsel am Vortag in Weimar wurde der Verantwortliche ermittelt..
Bei dem Vorfall vor einer Bank kamen zwei der Beteiligten ums Leben.
In Berlin wurde in der vergangenen Nacht ein von der Polizei gesuchter Täter durch einen Komplizen erschossen. Ein anderer Verdächtiger entzog sich der Festnahme durch Selbsttötung.

 

Frühsommer 2008, Ägypten, südöstlich vor Kairo

Samir Sheikh Ahmad stieg auf der kleinen Anhöhe aus dem Taxi. Er stellte den Koffer ab, rückte die verspiegelte Sonnenbrille zurecht.
Flacher Fels und Sanddünen soweit das Auge reicht. Kein Baum, nur vereinzelt ein Strauch. Unter der noch gleißenden Sonne auf einem nicht mehr als 450 Meter über dem Meer gelegenen Plateau breitete sich der dahingestreckte, geduckte Komplex des »Cottamian Astronomical Observatory« aus. Überragt wurde er nur von der exorbitanten Kuppel des glänzenden Refraktorgebäudes.

Samir nahm den Koffer in die Hand. Langsam ging er auf dem befestigten Weg zumObservatoriums-gelände hinab.
Knapp zwei Jahre hatte er hier im Institut mit einem Praktikum bei Professor Al Aitoni verbracht. Bevor er, dessen Vermittlung folgend nach Berlin ging, um zu studieren.

Die Sonne senkte sich über die Wüste, als er den Wohn-und Verwaltungstrakt der Anlage erreichte. Die ungewohnte Hitze hatte ihn auf dem kurzen Weg bald in Schweiß gebracht. Bin ich entwöhnt oder nur zu fett geworden, schoss es ihm durch den Kopf. Heftig stieß er mit der freien Hand die hohe Aluminiumtür auf, betrat das klimatisierte Gebäude. 
     Den Hausmeister des Instituts hatte er noch gut in Erinnerung. Jetzt stand der Ägypter, ein breites Grinsen im Gesicht, vor seinem Glaskasten im Foyer.
Samir mochte den älteren Mann. Eine imposante Erscheinung samt langem Schnurrbart und grauem Haar, auf dem stets ein roter, bestickter Fez thronte. Über dem Kaftan trug er wie immer einen Berufskittel mit einer Vielzahl Taschen. 
     »Ich begrüße Sie, Herr Ahmad!«, rief der Hausmeister. Er kam aus dem Glaskasten heraus, ging auf den Ankömmling zu. 
      Der stellte den Koffer ab, schüttelte die ihm dargereichte Hand, lachte laut. »Was soll das? Bitte, bleib doch bei Samir!«    
     Der ältere Mann verbeugte sich leicht. »Wenn es denn dem Herrn Astrophysikus beliebt? Also dann ein herzliches Willkommen meinem Freund Samir!«
Der Hausmeister nahm den Koffer auf. Er führte den Ankömmling quer durchs Gebäude zu einem der Zimmer, die den Angestellten des Instituts als Wohnstatt dienten. Die mit dem Schildchen ›S.Ahmad-Astrophysiker‹ lag in der ersten Etage, verfügte auch über einen Zugang zur umlaufenden Terrasse.
      »Ich darf dir von Professor Al Aitoni ausrichten, dass er dich morgen früh in seinem Büro erwartet. Heute ist er im Ministerium in Kairo und wird erst spät zurückkommen!«

Nachdem Samir die Sachen in einem der Schränke verstaut hatte wusch er sich die Hände. Dann ging er bis zum Ende des von vielen Türen gesäumten Ganges.
In der geräumigen Pantry fand er wie gewohnt in einem Kühlschrank ein bescheidenes Imbissangebot. Im Tiefkühler lagen zusätzlich einige Assietten Fertiggerichte. Die Nudeln in Sauce oder der Gemüsereis entsprachen heute nicht seinem Appetit. Abgesehen davon hätte er sie erst noch in der Mikrowelle erhitzen müssen. Mit etwas Käse und sauren Tomaten zu einem Fladenbrot gab er sich zufrieden. Dazu brühte er ein großes Glas Tee auf.

Indem er samt dem Abendbrot ins Zimmer zurückgekehrt war, sah er, dass drausen schon die Nacht hereinbrach. Rasch duschte er sich im schmalen Badezimmerchen, zog nach dem Abtrocknen einen Kaftan über. Die Klamotten, die er tagsüber getragen hatte, hängte er außen vor den Schrank. Daraufhin setzte er sich an den niedrigen Tisch, der auf der Terrasse stand. Indem er langsam aß, hierbei den Tee trank, schaute er zum funkelnden Sternenhimmel hinauf.
Dabei ging er in seinen Gedanken in der Zeit ein Stück zurück.


Vor etwa drei Wochen hatte er in Berlin das fast vierjährige Studium als Diplom-Physiker mit Annotation abgeschlossen.
Er sah darin jedoch nur die erste Etappe, die er auf seinem von der Wissenschaft endgültig geprägten Entwicklungsweg zu bewältigt hatte.

Schon die zwei Jahre des Grundlagenstudiums an der Sektion für Physik erwiesen sich als eine unerwartete Herausforderung. Mischten sich doch die Anstrengungen, die er zur Erfassung des Lehrstoffs aufzubringen hatte mit der Verarbeitung täglich neuer Eindrücke, die ihm der Alltag in Deutschland aufzuzwingen vermochte.

Sein bisheriges Leben verbrachte er in Syrien, zwei Jahre auch in Ägypten. Die Gegebenheiten, die Lebensumstände in Großstädten wie Damaskus, Aleppo, Kairo prägten bisher das Weltbild des Heranwachsenden. Der Alltag in den beiden syrischen Metropolen zeigte sich ihm bunt und vielfältig. Er wurde aber auch von krassen Gegensätzen geprägt. Zumal man seine Familie, alteingesessene Alawiten, stets als eine ›vom Glauben abgefallene Minderheit‹ betrachtete. Sie verkörperten eine angefeindete, diffamierte Religionsgruppe in einem mehrheitlich von Sunniten bevölkerten Land. Das wurde besonders spürbar, nachdem der Vater aus Damaskus nach Aleppo versetzt wurde.
An der gewohnten Ausgrenzung änderte die Position des Familienoberhauptes nichts, gleichwohl er als hochgestellter Beamter in Assads Regierung diente.

     Auch die Bestrebung des allmächtigen, in Damaskus sitzenden Regierungschefs dem alawitischen Glauben einen zunehmend sunnitischen Anstrich zu geben brachten dem Land keine Entspannung. Was der Vater des Öfteren kritisch kommentierte. Der Druck auf die beiden Söhne bestand auch in der Schule fort. Erst, nachdem Samir das Praktikum in Kairo beginnen durfte, entspannte sich die Pression auf ihn. Für seinen Bruder Basil, der in Aleppo verblieb, änderte sich jedoch nichts.

Ein junger Araber in einer unbekannten Welt

 In Berlin zeigte sich Samir die Welt auf eine völlig andere Art! Erste Unterschiede eröffneten sich seinem wachen Auge schon nach kurzer Zeit. In der Mehrzahl der Stadtbezirke der Dreieinhalbmillionenstadt etwa traten so gut wie keine Muslime in Erscheinung. Vor allem im ihm zugewiesenen Quartierort in Ostberlin tauchten sie fast niemals auf.
Anders, als in Kreuzberg sowie Neukölln, wo man mit ihnen auf Schritt und Tritt zusammentraf. Ganze Straßenzüge erinnerten dort an die Türkei oder den Nahen Osten. Jedoch nicht nur durch die Vielzahl arabisch beschrifteter Geschäfte, in denen durch Hijab, Tschador, ja mit einem Nikab verschleierte Frauen einkaufen gingen, entstand dieser Eindruck. 
      Vor und in den unzähligen Teestuben sowie Cafés hockten um runde Tische herum vorwiegend ältere, arabisch aussehende Männer. Sie tranken Tee, rauchten, wobei sie meistens türkisch miteinander sprachen.
Schwarzhaarige, überwiegend olivhäutige Jugendliche oder Schwarzafrikaner standen in Grüppchen an Straßenecken. Darüber hinaus betrieben sie in zahlreichen Hofeinfahrten anscheinend zwielichtige Geschäfte. Bei denen sie die Polizei nur ab und zu belästigte.

     In der warmen Jahreszeit sah er in der Öffentlichkeit junge Mädchen, auch reife Frauen mit kurzen Röcken, freizügigen Dekolletés oder gar nackten Bäuchen! Überdimensionale Werbetafeln, auf denen ihm spärlich bekleidete, weibliche Wesen auflauerten, gehörten zum Alltag. Sogar im Fernsehen tauchten sie auf, vom Internet ganz zu schweigen. Bereits nach ein paar Wochen stellte er zur eigenen Überraschung fest, dass diese Zurschaustellung der Weiblichkeit ihn zwar etwas irritierte, aber nicht abstieß. So wie er es, zumal als alawitischer Muslim, strenggenommen zu empfinden hatte! Nein! Das Gegenteil trat ein.

Denn es gefiel ihm. Und beim abendlichen Spiel mit seinem Glied im Wohnheimbett förderten die im heißen Kopf auftauchende Bilder die wohligsten Erregungen. Darüber hinaus gestand er sich alsbald ein, dass er vom Glauben als alawitischer Muslim zunehmend mehr abzufallen schien!


Angefangen hatte es aber ohne Frage schon vor einigen Jahren. Indem er die in der Heiligen Schrift festgeschriebenen Glaubensbekenntnisse heimlich zu vernachlässigen begann. Wobei sie in der Familie niemals so fanatisch befolgt wurden wie in anderen Sippen.
      Der Vater beharrte zwar bei beiden Söhnen ab dem siebenden Lebensjahr auf dem »salat.« Doch nur zweimal am Tag, morgens und abends, verpflichtete er sie zum gemeinsamen Gebet mit ihm.

     Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die von Kind an konfessionslos erzogen wurde, sich daher der Anrufung Gottes absolut versagte. »Ich wollte euren Vater heiraten, weil er mich als Mann beeindruckte. Nicht, indem er Muslim ist!« Solcherart hatte sie einst den Söhnen ihren Standpunkt erklärt. »Also betet von mir aus hier im Hause so oft und lange es eben geschehen muss.« Das einzige Zugeständnis an die islamische Welt, in der sie lebte, zeigte sie im Tragen eines lässig geschlungenen Hijab in der Öffentlichkeit. Was dem Familienoberhaupt vonseiten seines Vorgesetzten mitunter eine Missbilligung bescherte.

      Der Knabe Samir betete also zweimal am Tag. Morgens sowie abends, gewöhnlich gemeinsam mit Vater und Bruder. Doch schon nach dem Ende der Schulzeit, als er im Observatorium das Praktikum bei Professor Al Aitoni absolvierte, begann seine zunehmende Abwendung. So verzichtete er entschlossen auf das `fadschr - das Gebet vor Sonneaufgang und auf `ischa - das Gebet nach Sonnenuntergang. Er nutzte die frei gewordenen Zeiten besser anderweitig. Denn oft verbrachte er die Nächte neben dem Professor am Refraktor. Anschließend ging er, statt das Morgengebet zu absolvieren, lieber gleich zu Bett. Abends schaute er gelegentlich TV. Meist befasste er sich jedoch mit wissenschaftlicher Lektüre zur Astronomie. Oder er bat beim Professor um Zeiten, die er unterm Linsenteleskop verbringen durfte. Bevor es der Wissenschaftler selbst in Beschlag nahm.

      Später, in Berlin, wuchs während des Studiums nicht nur sein Wissen über den ›Kosmos der Physik‹ sprunghaft an.

Er formte überdies für sich eine zunehmend wissenschaftlich begründete, materialistische Weltensicht. Bei der ständigen Zunahme seiner Erkenntnisse hinterfragte er irgendwann auch die Existenz Allahs. Ebenso wie die eines ›Gott‹ im Allgemeinen.

 

 


 
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